Blick zurück nach vorn

Filme von den wichtigsten internationalen Festivals in Cannes, Locarno und Venedig feiern beim FILMFEST HAMBURG vom 30.September bis zum 09. Oktober 2021 ihre Deutschlandpremieren, darunter die aktuell in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Buchverfilmung Das Ereignis (Happening), der Locarno-Gewinnerfilm Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar, sowie der Jury-Preis-Gewinner von »Un Certain Regard« Große Freiheit, mit dem am 30. September das FILMFEST HAMBURG eröffnet wird. Insgesamt stehen 110 Langfilme aus 57 Ländern auf dem Programm. Abschlussfilm ist Jacques Audiards Liebesreigen Wo in Paris die Sonne aufgeht über Lebens- und Liebesentwürfe vier junger Menschen im heutigen Paris. Der diesjährige Douglas Sirk Preis geht an den französischen Regisseur Leos Carax, der seinen in Cannes umjubelten Eröffnungsfilm Annette in Hamburg vorstellen wird.

Bild-Quelle: Filmfest Logo, Presse

Neue filmische Blicke

Schon Leos Carax hat es als Kind mit großer Reiselust genügt »ins Dunkel des Kinos abzutauchen, um die ganze Welt kennenzulernen«. FILMFEST HAMBURG zeigt Filme aus 57 Produktionsländern und taucht ein in Regionen und Staaten, die nicht so häufig auf der filmischen Landkarte zu finden sind, wie die drei afrikanischen Filme aus dem Tschad (Lingui von Mahamat-Saleh Haroun), aus Dschibuti (The Gravedigger’s Wife von Khadar Ayderus Ahmed) und aus Kamerun (Bikers von Narcisse Wandji). Mit drei Filmen ist das filmische Wunderland Rumänien vertreten: Bogdan George Apetri erfindet mit Mirakel den Ermittlerkrimi neu und schickt seinen Kommissar ins Kloster, in Intregalde entspinnt Radu Muntean einen bissigen Gesellschaftskommentar zum Stadt-Land-Gefälle in Rumänien und nimmt Anleihen beim B-Horrorfilm, und mit Poppy Field erzählt Eugen Jebeleanu vom Dilemma eines schwulen Polizisten in einer homophoben Gesellschaft. Aus Russland stehen zwei Filme auf dem Programm: Alexander Zeldovich adaptiert in Medea die klassische Tragödie als zeitgenössische, aber auch zeitlose Variation, während Altmeister Andrei Konchalovsky in seinem Film Liebe Genossen! an die blutige Niederschlagung eines Arbeiteraufstands in Nowotscherkassk 1962 erinnert.

Bild-Quelle: Filmfest Hamburg // Katharina Degen, Presse

Erinnerungen in die Zukunft schicken

Im diesjährigen FILMFEST-Programm haben die Filmemacher·innen ihre eigenen Zeitkapseln geschaffen, mit denen Zukunftsfragen gestellt und Bilder aus der Vergangenheit aus heutiger Sicht betrachtet werden. So blicken Kenneth Branagh und Paolo Sorrentino in ihren Filmen Belfast und Die Hand Gottes, vergangenen Wochenende in Venedig ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen, zurück auf ihre Kindheit und Jugend in Irland und Italien.

Die Regisseurinnen Laura Samani und Audrey Diwan thematisieren den Wunsch nach Selbstbestimmtheit als Frau in einer archaischen christlichen Gesellschaft im Friaul des 19. Jahrhunderts (Piccolo Corpo) und im Frankreich der 60er-Jahre, als Abtreibung noch unter Strafe stand. Der Goldene-Löwen-Gewinner Das Ereignis (Happening) basiert auf einem Buch von Annie Ernaux, das aktuell auf Deutsch unter dem Titel »Das Ereignis« erschienen ist. Der Film verweist in einer beklemmenden Rückschau auf die heutige Relevanz des Themas, wie es die neuen Gesetzgebungen in Polen oder Texas gerade zeigen. In dem Film Futura blicken die Filmemacher·innen Pietro Marcello, Alice Rohrwacher und Francesco Munzi nach vorn und porträtieren im Kollektiv italienische Jugendliche, wie sie sich mit Fragen um die Zukunft auseinandersetzen. Ihre Gedanken werden mit Archivmaterial früherer Reportagen und Dokumentationen von älteren Generationen von Jugendlichen ergänzt.

Mit der restaurierten Fassung des Films Tscherwonez von Gábor Altorjay aus dem Jahr 1983 können die Zukunftsbilder der New-Wave-Satire von damals neu überprüft werden. Die Filme Vortex von Gaspar Noé und Ein großes Versprechen von Wendla Nölle sind filmische Reflektionen über Beziehungen, das Alter(n), den Umgang mit Krankheit und das Abschiednehmen. In Niemand ist bei den Kälbern von Sabrina Sarabi geht es um Zukunftsträume jenseits der dörflichen Enge. Saskia Rosendahl wurde für ihre Rolle als Christin in Locarno als Beste Schauspielerin ausgezeichnet. Auch der Eröffnungs- und der Abschlussfilm spannen zueinander einen zeitlichen Bogen: Während der diesjährige Eröffnungsfilm Große Freiheit von Sebastian Meise die unfreie Liebe im Nachkriegsdeutschland thematisiert, ist Jacques Audiards Abschlussfilm Wo in Paris die Sonne aufgeht ein Zeugnis aktueller Lebensentwürfe und ein Plädoyer für Freiheit und die vielseitige selbstbestimmte Liebe im 21. Jahrhundert.

Fernsehfilme auf der Leinwand & Filme für junge Kinobesucher:innen

Bild-Quelle: Filmfest Hamburg, Presse

Acht abendfüllende Filme in der Sektion »Televisionen« konkurrieren um den mit 25.000 Euro dotierten Hamburger Produzentenpreis für Deutsche Fernsehproduktionen. Das Preisgeld stiftet die VFF Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten. Gezeigt werden unter anderem das sensible Drama über Selbstbestimmung im Alter Bring mich nach Hause (Regie: Christiane Balthasar), der Familienfilm über vier Generationen Mutter, Kutter, Kind (Regie: Matthias Tiefenbacher) und der erste Teil von Das Weiße Haus am Rhein, ein Event-Zweiteiler über den Überlebenskampf einer berühmten Hotel-Dynastie in der Zeit zwischen den Weltkriegen (Regie: Thorsten M. Schmidt). Zusätzlich wird erstmals der mit 5.000 Euro dotierte Sonderpreis der VFF an eines von vier seriellen Formate vergeben. Einer der Wettbewerbsbeiträge ist die Serie Legal Affairs über den Alltag einer Prominentenanwältin.

Das MICHEL Kinder- und Jugend Filmfest, seit 2003 fester Bestandteil von FILMFEST HAMBURG, wird am 1. Oktober mit dem Film Willi und die Wunderkröte (Regie: Markus Dietrich) eröffnet. Insgesamt sieben Filme gehen ins Rennen um den mit 5.000 Euro dotierten MICHEL Filmpreis, der in diesem Jahr von der Körber Stiftung zur Verfügung gestellt und am 5. Oktober von der MICHEL-Jury, bestehend aus Kindern und Jugendlichen, verliehen wird. Abschlussfilm ist der Stop-Motion-Film Im Himmel ist auch Platz für Mäuse (Regie:Jan Bubenícek, Denisa Grimmová). Die meisten Filme werden in der Originalfassung gezeigt und live im Kinosaal auf Deutsch eingesprochen. Außer Konkurrenz werden auch in diesem Jahr zwei neue Folgen der Pfefferkörner präsentiert sowie die »Reihe für Minis«, ein pädagogisch begleitetes Kurzfilmprogramm für Kinder ab vier Jahren.

Hamburger Filmschaffen, Filmfest ums Eck & Branchenveranstaltungen

Bild-Quelle: Filmfest Hamburg, Presse

FILMFEST HAMBURG zeigt sektionsübergreifend Filme, die Hamburg und im Norden gefördert, gedreht und produziert wurden, darunter aus der Sektion »Kaleidoskop« Der Fremde (Produktion: Red Ballon) und Lektionen auf Deutsch  (Produktion: Heimathafen Film), in der Sektion »Voilà« France (Produktion: Red Balloon), in »Große Freiheit« Niemand ist bei den Kälbern (Produktion: Weydemann & Bros.) in »Asia Express« Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar (Produktion: Bombero International und The Match Factory) und in »Televisionen« Der Beschützer (Produktion: Wüste Medien), Die Luft zum Atmen (Produktion: Network Movie) und  Kranitz – Bei Trennung Geld zurück (Produktion: Florida Film). Unter anderem vor Hamburger Kulisse gedreht und gefördert wurde auch Die Geschichte meiner Frau (Produktion: Komplizen Film). Einen komprimierten und noch intensiveren Einblick in das Hamburger Filmschaffen bietet die Sektion »Hamburger Filmschau« unter anderem mit Beiträgen von Peter Sempel (Jonas in den Feldern), Julian Radlmaier (Blutsauger), Gisela Tuchtenhagen und Margot Neubert-Maric (Für nichts und wieder nichts).

Mit dem zusätzlichen Programm »Filmfest ums Eck« möchte FILMFEST HAMBURG die engagierte Arbeit der Kinobetreiber·innen und Programmmacher·innen für die Stadtteilkultur würdigen. In der Festivalzeit wird der rote Teppich in Altona (Zeise Kinos), Bergedorf (Hansa Filmstudio), Blankenese (Blankeneser Kino), Volksdorf (Koralle Lichtspielhaus) und Winterhude (Alabama Kino, Magazin Filmkunsttheater) ausgerollt. Gezeigt wird jeweils ein Film aus dem Festivalprogramm. Eine weitere Sonderaktion ist »A Wall is a Screen by Bike«: Zur Einstimmung auf das FILMFEST lädt die Hamburger Künstler·innengruppe »A Wall is a Screen« im Zuge der Fahrradkampagne »Fahr ein schöneres Hamburg« am 15. September zu einer cineastischen Radtour ein, bei der insgesamt sieben Kurzfilme auf verschiedene Fassaden der Stadt projiziert werden.

Alle Infos zum Filmfest Hamburg und zu den Corona Regeln gibt es hier


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